Biografie

[Rezension] Ulla Fröhling – Vater Unser in der Hölle

rezivaterunserinhaltBereits in frühester Kindheit erlebt Angela Lenz extreme Gewalt. Vergewaltigungen, Folter, Drogen und Gehirnwäsche gehören zu ihrem Alltag in einer satanistischen Sekte. Überleben konnte sie all diese Dinge nur indem sie die Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle aufgeteilt hat auf verschiedene Persönlichkeiten. Doch die traumatischen Erlebnisse drängen an die Oberfläche und Angela sieht sich gezwungen eine Therapie zu beginnen. Trotz Schweigegebot, Morddrohungen und Todesangst wagt sie es endlich über das zu sprechen was man ihr und anderen angetan hat.

meinungEs ist nicht das erste Mal, dass ich dieses Buch gelesen habe. Immerhin steht es in dreifacher Ausführung in meinem Regal. Denn so grausam und unglaublich die Geschichte von Angela Lenz auch ist hat sie trotzdem etwas was mich nicht ganz loslässt und mich immer wieder dazu bringt das Buch erneut hervorzuholen.
Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, kam ich irgendwann an einen Punkt an dem ich mir sagen musste „Es ist nur eine Geschichte“, allerdings erinnerte ich mich auch im selben Moment daran, dass es sich hier nicht um einen fiktiven Roman handelt sondern um die Schilderung von Erlebnissen die Angela Lenz tatsächlich passiert sind.
Angela ist noch ein Baby als sie das erste Mal von ihrem Vater sexuell missbraucht wird. Von diesem Tag an besteht ihr Leben aus einer endlos langen Folge von Vergewaltigungen und Folter. All das erträgt sie nur, weil sie sich in verschiedene Persönlichkeiten aufgespalten hat. Angela ist eine multiple Persönlichkeit.
Das Buch schildert eindrucksvoll wie vielfältig die Erkrankung Dissoziative Identitätsstörung sich verhält und wie komplex so ein mutliples System aufgebaut ist. In Angela leben sowohl Kinder als auch Erwachsene, männliche wie auch weibliche Personen. Es gibt Helfer und Beschützer aber auch täterloyale Anteile. Im Buch werden die Erlebnisse und Gefühle der unterschiedlichsten Persönlichkeiten geschildert und man erfährt von vielen durch welches Erlebnis sie in Angela entstanden sind. Und genau mit dieser Tatsache tue ich mich schwer was die Spaltungen und überhaupt die Erlebnisse in Angelas früher Kindheit angeht. Ich will keineswegs anzweifeln, dass es diese Erlebnisse gegeben hat. Es fällt mir jedoch unheimlich schwer diese sehr detailreichen Schilderungen zu lesen, die ein Mädchen betreffen welches bei der ersten Vergewaltigung noch nicht einmal 1 Jahr alt gewesen ist. Kann man sich wirklich so genau an etwas erinnern was so weit zurückliegt und wo man noch so extrem jung war? Ich weiß es nicht und will mir auch nicht das Recht herausnehmen das zu beurteilen. Es fällt mir nur leider sehr schwer das so anzunehmen.

„Es machte nichts, dass er ihr unter die Windeln griff, nachdem er sie ins Bett gelegt hatte, wenn er mit ihr allein war. Sich in die zarten Falten ihrer Haut, in den Babyspeck ihrer Oberschenkel hineinwühlte. Fast nichts. Auch dass er sich dabei selbst befriedigte, machte noch kaum etwas. Sie spürte zwar, wie die Stimmung sich änderte, er wurde angespannter – war bei ihr und doch nicht bei ihr. Sein Gesicht, so rot, so groß, direkt vor ihr.“ (Seite 95)

Ähnlich verhält es sich mit der immensen Reichweite der Sekte in die Angela bereits als Kind eingeführt wurde. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Menschen aus allen Schichten etwas in so einer Sekte finden was sie in ihrem normalen Leben vergeblich suchen. Egal ob es sich dabei um den kleinen Arbeiter oder das hohe Tier einer Bank oder ähnliches handelt. Doch wenn die Reichweite und Kontrolle der Sekte tatsächlich so groß ist wie es im Buch beschrieben wird dann fange ich an mich zu fragen wer aus Deutschland, der einen Job in einer besseren Position hat, ist nicht Mitglied dieser Sekte oder wird zumindest von ihr überwacht und erpresst. Jugendamtmitarbeiter, Polizisten, Ärzte, Politiker, Anwälte, Bankangestellte und Geistliche. Die Liste lässt sich endlos fortführen. Dabei geht es nicht „nur“ um das Schicksal von Angela sondern um so viele Menschen mehr. Von Kinderhandel und Pornoringen ist die Rede, von rituellen Tötungen und beabsichtigten Geburten. Ganz sicher gibt es all das, denn der Mensch ansich ist grausam und wahrscheinlich gibt es kein Verbrechen was noch nicht von Menschen begangen wurde. Vielleicht will ich auch einfach nicht an so ein massives Ausmaß und eine so extrem großen Beteiligung glauben, weil alleine die Vorstellung schon zu grausam ist.
Diese neue Auflage von „Vater unser in der Hölle“ ist vor allem für all jene interessant, die sich fragen wie es Angela Lenz heute geht und wie ihr Leben jetzt aussieht. Angelas Schilderungen zu ihrem derzeitigen Leben sind ernüchternd und während schon ihre Lebensgeschichte ansich unvorstellbar schrecklich ist so ist es umso trauriger was für ein Leben sie jetzt führt.
Der Schreibstil des Buches ist für mich noch immer gewöhnungsbedürftig, teilweise sogar reißerisch, was meiner Meinung nach überhaupt nicht nötig wäre da Angelas Geschichte einfach für sich spricht und nicht extra mit einer gewissen Dramatik „aufgewertet“ werden muss.
Unterm Strich ist das Buch erschütternder und grausamer als jeder Thriller und völlig egal ob man den Schilderungen uneingeschränkt Glauben schenken kann oder einiges doch kritisch betrachtet und hinterfragt so sollte es doch Anlass genug sein um mal über den Tellerrand hinauszublicken und vielleicht ein wenig wachsamer zu sein und offener. Missbrauch, Folter und Inzest existieren, egal wie oft es auch noch ein Tabuthema ist und vielleicht, nur vielleicht, hört man nach dem Lesen dieses Buches aufmerksamer hin und sieht einmal weniger weg.

Fazit„Vater unser in der Hölle“ ist ein Buch welches schockiert und hilflos macht aber auch dazu auffordert zu handeln wenn sich auch nur der leise Verdacht regt, dass etwas nicht stimmen könnte. Lieber einmal zu oft reagieren und entsprechende Wege gehen um zu helfen als einmal zu wenig oder sogar anzuzweifeln, dass das, was ein Kind da furchtbares versucht zu sagen, wirklich stimmen kann. Der Schreibstil versucht die Ereignisse nochmal extra zu betonen was jedoch nicht notwendig ist um von Angelas Geschichte erschüttert zu werden.

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4 Kommentare zu „[Rezension] Ulla Fröhling – Vater Unser in der Hölle

  1. Hallöchen Tintenmädchen,

    vielen Dank für diese Buchvorstellung!
    Ich habe „Vater unser in der Hölle“ vor ein paar Jahren gelesen und kam nicht mehr auf den Titel bzw. den Namen der Autorin. Das Buch fand ich sehr erschreckend und sehr sehr gut. Eine Freundin hatte es mir ausgeliehen und ich habe das Lesen nicht bereut.
    Ganz liebe Grüße sendet dir Melli

    1. Hey Melli,
      ich weiß gar nicht mehr wann ich das Buch das erste Mal gelesen habe. Wie schon gesagt habe ich drei verschiedene Exemplare des Buches im Regal stehen ^^
      Erschreckend ist es allemal und auch sehr informativ.

      Ganz liebe Grüße zurück,
      Jenni

  2. Hallo Tintenmädchen 🙂
    Ich lese das Buch auch gerade und befasse mich zur Zeit auch sehr stark mit MPS. Ich wollte wissen, welche 2 anderen Exemplare du meinst?
    Liebe Grüße Sarah

    1. Hallo Sarah,
      es gibt verschiedene Ausgaben von dem Buch. Die erste ausgabe die ich hatte wurde damals noch über den Lübbe Verlag verkauft. In der Version gab es zum Beispiel keine Infos wie es Angela aktuell geht. Die zweite Ausgabe war auch noch von Lübbe aber mit anderem Cover und ich glaube auch mit leicht veränderten Vorwort aber da bin ich mir grade nicht sicher. Das hatte ich mir auch nur geholt weil meine erste Ausgabe verschwunden war.

      Liebe Grüße, Jenni

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